Obwohl frühere Studien im Allgemeinen keine Auswirkungen auf das Cortisol durch Exposition gegenüber HF-EMF feststellen konnten, zeigten diese Studien auch einige methodischen Einschränkungen. Diese Studie war spezifisch eingerichtet, um in diesem Bereich für Verbesserungen zu sorgen und, um zu untersuchen, ob die HF-EMF-Exposition die Cortisolkonzentration im Speichel erhöhen kann, auch um mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede zu testen
Insgesamt wurden 72 Teilnehmer (einschließlich 48 Frauen) über Onlinekleinanzeigen, auf dem Campus der Wollongong-Universität und über Mundpropaganda ausgewählt. Folgende waren die Kriterien für die Studieteilnahme: Man sollte zwischen 18 und 55 Jahre alt sein, gut Englisch sprechen können, bei guter Gesundheit sein, nicht an einer vorherigen Studie über dieses Thema teilgenommen haben, nicht behandelt werden (ausschließlich Antibabypillen), nicht erkrankt sein und keine illegalen Substanzen benutzen. Die Teilnehmer wurden auch gebeten, kein Koffein zu konsumieren, während einer Stunde vor dem Test nicht zu essen oder zu trinken, während acht Stunden vor dem Test keinen Alkohol zu konsumieren, während zwei Stunden vor dem Test nicht zu telefonieren und an der Nacht vorher dafür zu sorgen, dass sie gut schlafen.
Nach der Auswahl wurden die Teilnehmer beliebig in zwei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe wurde zunächst HF-EMF ausgesetzt und danach einer Scheinexposition. Bei der zweiten Gruppe war es umgekehrt, dann wurde mit der Scheinexposition angefangen und danach wurden sie HF-EMF ausgesetzt. Für die HF-EMF-Exposition spezifizierten die Forscher die verwendete spezifische Absorptionsrate (SAR): 2 Wkg. Die SAR ist die Einheit für die Menge hochfrequenter Energie, die der Körper während einer HF-EMF-Exposition absorbiert. Eine „Scheinexposition“ bedeutet, dass die Umstände für die Teilnehmer identisch wie bei der HF-EMF-Exposition sind. Nur das Expositionssystem ist ausgeschaltet. Dies sorgt dafür, dass ein etwaiger Unterschied zwischen der exponierten und der nichtexponierten Gruppe der Exposition und nicht einem anderen Parameter, der in der Testumgebung zwischen den beiden Gruppen unterschiedlich wäre, zuzuschreiben ist.
Die Forscher basierten sich für ihre Untersuchung auf das Protokoll, das sie in ihren vorherigen Studien benutzt hatten (siehe zum Beispiel Verrender et al. (2018)). Das Protokoll umfasste eine drei Stunden dauernde Reihe von Tests im Nachmittag (dadurch, dass die Cortisolkonzentrationen normal täglich schwanken, ist es wichtig alle Tests gleichzeitig durchzuführen), eingeteilt in unterschiedliche Phasen:
- Begrüßung der Teilnehmer, ausfüllen der Fragebögen (21 Minuten)
- ein Video, das nichts mit der Studie zu tun hatte, in dem ein Astrophysiker Fragen über das Universum beantwortete, anschauen (25 Minuten)
- HF-EMF-Expositionsprotokoll von 45 Minuten 5 Minuten Ruhe (mit am Anfang einer Speichelprobe zur Messung der Cortisolkonzentrationen vor der Exposition), danach 15 Minuten Exposition oder Scheinexposition und danach aufs Neue 25 Minuten Ruhe (mit sofort danach einer Speichelprobe für die Messungen nach der Exposition – eine ähnliche Periode ist zur Feststellung von etwaigen Cortisolunterschieden notwendig)
- den Rest des Videos anschauen
- neue Phase des Expositionsprotokolls: Gleicherweise wie in der ersten Phase, aber umgekehrt (Exposition oder Scheinexposition)
- ausfüllen von Fragebögen (2 Minuten)
Zur Vermeidung jeglichen Einflusses, sogar unbeabsichtigt, auf die Ergebnisse geschah die Exposition der Freiwilligen doppelblind (weder die Forscher oder die Teilnehmer wussten, ob es sich handelte um eine wirkliche oder eine Scheinexposition). Bei der wirklichen Exposition wurden HF-EMF von 920 MHz, wie von Mobiltelefonen in Anrufmodus ausgesendet, verwendet. Während des Versuchs wurden die Wahrnehmung der Exposition (System ein- oder ausgeschaltet) und die Symptome der Teilnehmer mittels Fragebögen bewertet. Während der 1., 2., 4. und 6. Phase wurde auch das Angstgefühl anhand eines Fragebogens gemessen. Das Ziel war es, zu überprüfen, ober der empfundene Stresslevel die erhaltenen Ergebnisse möglicherweise beeinflusst hatte, da Cortisol als Reaktion auf Stress erzeugt wird.
Die Studie zeigt keine Auswirkung auf die Cortisolkonzentration im Speichel durch die HF-EMF-Exposition und es ergaben sich auch keine Unterschiede zwischen dem Geschlecht der Teilnehmer. Angesichts der Vorsichtsmaßnahmen bei der Implementierung des Protokolls weisen die Ergebnisse laut den Forschern stark darauf hin, dass die HF-EMF-Exposition die Stressreaktion, gemessen anhand der Cortisolkonzentration im Speichel, nicht beeinflusst.
Diese Studie ist von guter Qualität. Die Forscher haben die Qualitätskriterien für experimentelle Studien bei Menschen (Blindversuche, Expositionsinformationen (z. B. SAR) usw.) eingehalten. Sie weisen jedoch darauf hin, dass der Mangel an strenger Kontrolle der Umgebungstemperatur ihre Studie einschränkt. Es ist auch möglich, dass kleine Schwankungen die Ergebnisse beeinflusst haben, auch wenn die Temperatur im Labor (ungefähr 22 °C) weit unter einem Niveau, das die Körpertemperatur ändern konnte, lag. Vorherige Studien suggerieren jedoch, dass eine genaue Temperaturkontrolle nützlich sein kann, kleine Auswirkungen von HF-EMF auf den Körper aufzuspüren.
Die Ergebnisse können auch nicht auf die allgemeine Bevölkerung extrapoliert werden, da die Teilnehmer alle jung und gesund waren, was nicht unbedingt der Fall ist für jemanden, der sagt Elektrohypersensitivität zu erleben. Schließlich wird im Protokoll dieser Studie nur eine kurzfristige Exposition (15 Minuten), nur eine Expositionsart und nicht die Latenzzeit bei der Entstehung von Symptomen berücksichtigt. In einer neuen belgischen Studie ist probiert worden, diese Parameter zu berücksichtigen, aber die Ergebnisse zeigten keinen Zusammenhang zwischen der EMF-Exposition und den gemeldeten Symptomen.
Die Forscher schlagen vor, in künftigen Studien vielmehr auf das Verständnis der körperlichen Reaktionen auf die Exposition als auf den Vergleich der empfundenen Symptome zu konzentrieren. Es ist möglich, dass kleine Änderungen im normalen Funktionieren des Körpers als physische Wahrnehmungen empfunden werden, was sich lohnt, eingehender zu untersuchen.